Salzburg forscht an Nanovesikeln für Präzisionsmedizin

Am Universitätsklinikum Salzburg wird an winzigen Bläschen geforscht, die als Transportmittel für Medikamente dienen könnten. Die extrazellulären Vesikel gelten als vielversprechend für narbenfreie Heilung und zielgerichtete Therapien.
Extrazelluläre Vesikel (EV) sind nur wenige Nanometer kleine Bläschen mit Lipidhülle, die von Zellen freigesetzt werden. Was früher als Zellabfall galt, wird heute als zentrales Kommunikations- und Transportmittel im Körper verstanden. Die winzigen Strukturen, die Hunderttausendsteln eines Millimeters entsprechen, werden über Blut und Körperflüssigkeiten weitergegeben und beeinflussen andere Zellen sowie deren Umgebung.
Eva Rohde vom Universitätsinstitut für Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Salzburg zählt zu den führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet. Die Nanovesikel besitzen entzündungshemmende und geweberegenerierende Eigenschaften. Zudem können sie mit RNA oder anderen Molekülen beladen und gezielt im Körper transportiert werden. Künftig könnten sie für narbenfreie Gewebeheilung oder den zielgerichteten Medikamententransport eingesetzt werden, so Rohde. Erste klinische Studien geben Anlass zu Hoffnungen, auch wenn noch viel Forschungsarbeit nötig sei.
GMP-Labor und Herstellung aus Stammzellen
An der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) wird ein eigenes GMP-Labor betrieben, in dem Nanovesikel aus Stammzellen der menschlichen Nabelschnur gewonnen werden. In Versuchen konnte eine einzige Vesikelinjektion die Narbenbildung verhindern, wie Rohde berichtet.
Seit 2024 ist in Salzburg das Ludwig Boltzmann Institut (LBI) für Nanovesikuläre Präzisionsmedizin angesiedelt. Dort arbeiten die Paris Lodron Universität (PLUS), die PMU und das Universitätsklinikum Salzburg eng zusammen. Das LBI bildet ein Leuchtturmprojekt des Life Sciences Center Salzburg.
Nicole Meisner-Kober, Institutsleiterin für chemische Biologie der PLUS, ist für die biochemische Forschung verantwortlich. Nanovesikel ermöglichen es, therapeutische Wirkstoffe effizient zu verpacken, an bestimmte Orte im Körper zu schicken und sicherzustellen, dass sie dort ihre Wirkstoffe abgeben. Die Vesikel können aus verschiedenen Ausgangsstoffen gewonnen werden. Derzeit produziert das Institut Vesikel vor allem aus Molke, einer kostengünstigen und nachhaltigen Variante.
Salzburg als international sichtbarer Forschungsstandort
Die Forschung zu extrazellulären Vesikeln läuft weltweit auf Hochtouren. Salzburg zählt zu den international sichtbaren Forschungsstandorten auf diesem Gebiet. Am weltweit größten Vesikelkongress der International Society for Extracellular Vesicles (ISEV) im April 2025 in Wien trafen sich 1.700 Wissenschaftler und Mediziner. „Nanovesikel sind die Shootingstars der biomedizinischen Forschung“, so Rohde.
Schon in den Sechzigerjahren wurde unter dem Mikroskop entdeckt, dass Blutplättchen Vesikel absondern. Sie wurden als „Plättchenstaub“ bezeichnet. Die Funktion der EV, die sowohl bei normalen physiologischen als auch krankhaften Prozessen von den Zellen abgegeben werden, wird erst nach und nach verstanden.
Vor mehr als 20 Jahren begann die systematische Forschung an Exosomen, besonders kleinen Vesikeln, in der Allergologie durch Jan Lötvall von der Universität Göteborg. 2007 gelang seinem Team der Nachweis für funktionelle RNA-Übertragungen durch Exosomen von Zelle zu Zelle. Einen Nobelpreis erhielten 2013 James Rothman, Randy Schekman und Thomas Südhof für ihre grundlegenden Arbeiten zu Mechanismen des zellulären Vesikeltransports.
Klinische Studien und Anwendungen
Vor rund zwölf Jahren begann man in Salzburg die pharmazeutische GMP-Herstellungseinheit aufzubauen. Die Kombination aus universitärer Forschung, Zugang zu Patientinnen und Patienten am Universitätsklinikum und dem pharmazeutischen Herstellungslabor schaffe besonders gute Voraussetzungen, erklärt Rohde. Die Forschungsprodukte können als Medikamente so hergestellt werden, dass sie am Menschen angewendet werden dürfen.
Der Fokus liegt auf der Entwicklung und klinischen Testung von EVs aus Stammzellen. Es geht darum, Heilungsverläufe in verletzten Geweben und Organen zu optimieren. Aktuell befindet sich eine klinische Sicherheitsprüfung von Innenohranwendungen bei Trägern von Cochlea-Implantaten im Lauf. Die Gabe von Vesikeln ist für die Patienten sicher und könnte die Narbenbildung rund um die Elektrode verhindern. In der Folge müsste dann die statistische Wirksamkeit mit einer größeren Patientenanzahl nachgewiesen werden.
Experimentelle Anwendungen bei Spina bifida-Patienten geben ebenfalls Anlass zur Hoffnung. Zudem ist eine randomisierte Doppelblindstudie bei Patienten mit schmerzhafter Achillessehnen-Reizung geplant. Gerade bei kaum heilenden Tendinopathien (Sehnenerkrankungen) geben die Nanovesikel Anlass zu Optimismus. Auch an Rennpferden wurde die geweberegenerierende und entzündungshemmende Wirkung bereits erprobt.
Stammzelltherapie gibt es schon lange, die Vesikel scheinen ein ähnliches regeneratives Potenzial zu vermitteln, bei verringerten Nebenwirkungen. EV müssen nicht personalisiert werden. Die Hoffnung ist, dass keine Abstoßung provoziert wird und dass Vesikel besonders bei frischen Verletzungen eine immunstabilisierende Wirkung haben, die den Heilungsprozess optimiert.
Vielfältige Forschungsansätze
Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig: Es wird an zielgerichteten Krebstherapeutika gearbeitet, die nebenwirkungsfrei genau dorthin gelangen, wo sie wirken sollen. Exosomen können zusätzlich zu ihrer entzündungshemmenden Wirkung mit Peptiden, kleinen Eiweißen, beladen werden, die im Unterschied zu derzeitigen Therapien in die Zelle hineingelangen und schwere allgemeine Entzündungsprozesse stoppen können.

Auch im neurodegenerativen Bereich, etwa zu Alzheimererkrankungen oder Alterungsprozessen, wird geforscht, da Vesikel die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. In der Zell-Zell-Kommunikation zeigt sich, dass Exosomen für den Langzeiterhalt der Nervenzellen im Gehirn verantwortlich sind. Sie helfen, die Architektur der Nervenzellen, insbesondere ihrer Axone, der langen, dünnen Zellfortsätze, zu stabilisieren. Die Degeneration der Axone spielt bei allen degenerativen Nervenerkrankungen und beim Altern eine Rolle.
Eine Mainzer Forschungsgruppe untersucht auch, inwieweit bei körperlicher Aktivität Vesikel aus Endothel- und Immunzellen freigesetzt werden und möglicherweise zur gesundheitsfördernden Wirkung von Bewegung beitragen. Studien deuten darauf hin, dass sie bereits bei moderater körperlicher Aktivität vermehrt freigesetzt werden.
Ausblick und Optimismus
Rohde betont, dass noch viel Arbeit geleistet werden müsse, ehe man von der Grundlagenforschung in die flächendeckende Anwendung kommen werde. Nun müsse sich erst bestätigen, dass diese Prinzipien, die in vielen Prozessen im Körper eine Rolle spielen, auch therapeutisch genutzt werden können. Aus vielen Daten sei bekannt, dass extrazelluläre Vesikel gut verträglich sind.
Derzeit existieren erst wenige zugelassene medizinische Anwendungen auf Basis vesikulärer Technologien. Dazu zählen unter anderem bestimmte Meningokokken-Impfstoffe. Aber die Ansätze geben Anlass zu Optimismus. Bei einer Informationsveranstaltung der Reihe „Panorama-Universität“ in der Panoramabar Salzburg zeigte sich Rohde überzeugt, dass Patientinnen und Patienten innerhalb der kommenden zehn Jahre zunehmend von den Fortschritten der Nanovesikel-Forschung profitieren könnten.
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