Sieben Konzerne starten Initiative für digitale Souveränität

Anexia, A1, Erste Bank und vier weitere heimische Leitunternehmen haben eine gemeinsame Initiative gegründet. Ihr Ziel: Österreich und Europa sollen technologisch unabhängiger werden – ohne sich abzuschotten.
Sieben österreichische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben die „Initiative Digitale Souveränität“ ins Leben gerufen. A1 Telekom Austria, Anexia, Erste Bank, Keba, SPAR ICS, Umdasch und die Vienna Insurance Group wollen damit erreichen, dass Österreich und Europa bei digitalen Technologien unabhängiger, innovativer und widerstandsfähiger werden. Dabei setzen sie auf europäische Technologien, europäisches Wissen und europäische Werte.
Die Initiative versteht digitale Souveränität nicht als Abwehrhaltung, sondern als Chance für den Standort. Im Zentrum steht die Fähigkeit, selbst zu entscheiden, welche Technologie zum Einsatz kommt – ohne dass außereuropäische Rechtsräume Zugriff auf diese Entscheidungen oder die zugrunde liegenden Daten erhalten.
Serverstandort allein reicht nicht
Ein Rechenzentrum in Europa bedeutet laut der Initiative noch keine digitale Souveränität. Entscheidend seien vielmehr Software-Hoheit und technische Entscheidungsgewalt. Das betont auch Alexander Windbichler, CEO der Anexia Group und Teil der Initiative.
In ihrem Positionspapier schreiben die Unternehmen: Digitale Souveränität entstehe nicht allein durch den Betrieb von Rechenzentren in Europa. Sie erfordere wettbewerbsfähige europäische Cloud-Lösungen, faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber globalen Plattformanbietern und eine stärkere Nutzung europäischer Angebote durch Wirtschaft und öffentliche Hand.
Vier Gründe für die Dringlichkeit
Die Initiative nennt vier Gründe, warum das Thema jetzt auf die Agenda gehört:
- Abhängigkeiten verringern: Europäische Cloud-Lösungen schaffen zusätzliche Wahlmöglichkeiten und verbinden Datenschutz, Cybersicherheit, Rechtsklarheit und Wettbewerbsfähigkeit.
- Wettbewerbsfähigkeit stärken: Gezielte Investitionen in Kapital, Marktzugang und Know-how sollen europäischen Unternehmen helfen, ihr wirtschaftliches Potenzial voll auszuschöpfen.
- Anbieterwechsel ist schwierig: Proprietäre Softwarelösungen binden Unternehmen und Behörden langfristig, erschweren Innovation und reduzieren Wettbewerb.
- Fachkräftemangel: Ohne gezielte Ausbildung und attraktive digitale Berufe droht Europa im internationalen Vergleich weiter zurückzufallen.
Thomas Arnoldner, Deputy-CEO von A1, stellt klar: Digitale Souveränität bedeute nicht Abschottung, sondern Wahlfreiheit und europäische Alternativen – besonders bei kritischen Daten. Mit souveränen Cloud-Lösungen, bei denen Daten Europa nicht verlassen, leiste A1 dazu bereits heute einen konkreten Beitrag.
Regulierung nach Vorbild des Telekom-Markts
Windbichler bringt ein konkretes Modell ins Spiel: eine Regulierung ähnlich dem Telekom- und Energiemarkt. Dort wurden Netze geöffnet, ohne Produkte vorzuschreiben. Im Cloud-Umfeld bedeute das beispielsweise offene Schnittstellen und eine klare Trennung zwischen Software und Betrieb.
Übertragen auf den Cloud-Markt hieße das: Infrastruktur und Anwendung werden getrennt betrachtet. Niemand schreibt vor, welches Produkt ein Unternehmen nutzt. Aber der Zugang zur Infrastruktur wird offen und diskriminierungsfrei gestaltet. Das Positionspapier spricht von einem „Level Playing Field“, das europäischen Anbietern erlaubt, im Wettbewerb auf Augenhöhe zu bestehen.
Auch bei öffentlichen Ausschreibungen sieht Windbichler Handlungsbedarf. Die Bewertungskriterien sollten die Realität einer digital hochvernetzten Welt widerspiegeln. Wettbewerb sei ein zentraler Aspekt – und die Spielregeln, nach denen er funktioniert, stellen die Weichen, so Windbichler.
Fünf Punkte für mehr Unabhängigkeit
Die Initiative formuliert fünf zentrale Ziele:
- Innovation und Wertschöpfung: Neue digitale Produkte und Dienstleistungen werden in Europa entwickelt, Arbeitsplätze und Wohlstand entstehen vor Ort.
- Sicherheit und Vertrauen: Daten bleiben unter europäischer Kontrolle, Cyberrisiken sinken. Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen gewinnen dadurch mehr Vertrauen gegenüber digitalen Services.
- Unabhängigkeit und Resilienz: Europa wird weniger anfällig für externe Marktmacht und geopolitische Abhängigkeiten, ohne auf globale Vernetzung zu verzichten.
- Wettbewerbsfähigkeit: Europäische Lösungen werden weltweit konkurrenzfähiger und damit auch exportierbar.
- Europäische Werte: Datenschutz, Transparenz und Menschenrechte werden in globalen Technologiestandards verankert.
Statements der Partner
Neben Anexia und A1 haben sich alle Unterstützer der Initiative mit eigenen Statements positioniert. Gerda Holzinger-Burgstaller, CEO der Erste Bank, verweist auf die Pionierrolle österreichischer Forschung in der Quantensicherheit. Christoph Knogler, CEO von Keba, mahnt: Europa darf beim Einsatz künstlicher Intelligenz den Anschluss nicht verlieren. Deshalb setzt er auf On-Device- und On-Edge-KI-Lösungen für unabhängige, erfolgskritische Prozesse.
Andreas Kranabitl, Geschäftsführer von SPAR ICS, bringt seine Erfahrung als Anwender und Betreiber digitaler Handelslösungen ein. Wolfgang Litzlbauer, Vorstandsvorsitzender von Umdasch, beschreibt seinen Ansatz als „glokal“ – globale Strategie, lokal umgesetzt, mit größtmöglicher lokaler Wertschöpfung. Und Harald Schabernack, CIO der Vienna Insurance Group, sieht in eigenständigen europäischen Innovationen eine Chance, Kontrolle über Technologie und Daten zu behalten.
Gütesiegel gegen „Sovereign-Washing“
Die Initiative schlägt in ihrem Positionspapier ein „Gütesiegel für Souveränität“ vor. Ein solches Gütesiegel soll verlässliche Qualitätsstandards im Cloud-Bereich transparent machen und sogenanntem „Sovereign-Washing“ vorbeugen. Davon würden öffentliche Beschaffung, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen profitieren.
Nicht der Serverstandort allein zähle, sondern Eigentum, Rechtshoheit der Konzernmutter und der strukturelle Ausschluss extraterritorialer Zugriffsmöglichkeiten auf europäischer Ebene. Das unterscheide europäische Anbieter von US-Hyperscalern, bei denen die Konzernmutter selbst US-amerikanischem Recht unterliegt und damit potenziell dem US Cloud Act. Dieses US-Gesetz erlaubt US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff auf Daten von Anbietern mit US-Bezug, unabhängig vom Serverstandort.
Nächste Schritte
Die Initiative versteht sich als Impulsgeberin. Ihr Positionspapier fließt in den politischen und gesellschaftspolitischen Dialog mit Wirtschaft und Wissenschaft ein. Zusätzlich sind weitere Diskussionsveranstaltungen zum Thema geplant. Das vollständige Positionspapier der Initiative Digitale Souveränität steht auf www.souveraen-digital.at zum Download bereit.
Quelle: https://anexia.com/blog/de/digitale-souveraenitaet-oesterreichs-ergreift-die-initiative
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