Sieben Leitbetriebe starten Initiative für digitale Souveränität

Pia ProdingerPia Prodinger
Digitale Souveränität: Sechs Männer stehen an Rednerpulten in einem Saal in Wien.
© A1 Telekom Austria/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger

Anexia, A1 Telekom, Erste Bank, Keba, SPAR ICS, Umdasch und Vienna Insurance Group haben eine gemeinsame Initiative gegründet. Ihr Ziel: Österreich und Europa sollen technologisch unabhängiger werden – mit europäischen Technologien und Werten.

Sieben österreichische Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben sich zur „Initiative Digitale Souveränität“ zusammengeschlossen. Die Beteiligten verstehen das Thema nicht als Rückzug, sondern als Standortvorteil. Sie wollen Österreich und Europa technologisch eigenständiger, widerstandsfähiger und innovativer machen.

Zu den Gründungsmitgliedern zählen A1 Telekom Austria, Anexia, Erste Bank, Keba, SPAR ICS, Umdasch und die Vienna Insurance Group. Alle sieben stammen aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen und setzen auf Know-how, Technologien und Werte aus Europa.

Mehr als nur ein Serverstandort in Europa

Die Initiative betont in ihrem Positionspapier: Eine Cloud-Region in Europa allein schaffe noch keine digitale Souveränität. Entscheidend sei vielmehr die rechtliche Kontrolle über die Infrastruktur und die Daten. Ein Unternehmen müsse selbst bestimmen können, welche Technologie es einsetzt – ohne dass außereuropäische Rechtsräume Zugriff erhalten.

Alexander Windbichler, CEO der Anexia Group, formuliert es so: Digitale Souveränität entstehe durch Software-Hoheit und technische Entscheidungsgewalt. Das Positionspapier ergänzt: Wettbewerbsfähige europäische Cloud-Lösungen, faire Wettbewerbsbedingungen und eine stärkere Nutzung europäischer Angebote durch Wirtschaft und öffentliche Hand seien nötig.

Vier Gründe für die Allianz

Die Initiative nennt vier zentrale Argumente, warum das Thema jetzt drängt:

  • Abhängigkeiten verringern: Europäische Cloud-Lösungen schaffen Alternativen zu nichteuropäischen Anbietern und verbinden Datenschutz, Cybersecurity und Rechtsklarheit.
  • Wettbewerbsfähigkeit stärken: Gezielte Investitionen in Kapital, Marktzugang und Know-how sollen europäischen Unternehmen helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen.
  • Anbieterwechsel erleichtern: Proprietäre Softwarelösungen binden Unternehmen und Behörden langfristig, erschweren Innovation und reduzieren Wettbewerb.
  • Fachkräftemangel bekämpfen: Ohne gezielte Ausbildung und attraktive digitale Berufe drohe Europa im internationalen Vergleich zurückzufallen.

Thomas Arnoldner, Deputy-CEO von A1, stellt klar: Digitale Souveränität bedeute nicht Abschottung, sondern Wahlfreiheit und europäische Alternativen – besonders bei kritischen Daten. A1 biete bereits souveräne Cloud-Lösungen an, bei denen Daten Europa nicht verlassen.

Regulierung nach Vorbild des Telekom-Markts

Windbichler schlägt eine Regulierung ähnlich dem Telekom- und Energiemarkt vor. Dort seien Netze geöffnet worden, ohne Produkte vorzuschreiben. Im Cloud-Umfeld bedeute das offene Schnittstellen und eine klare Trennung zwischen Software und Betrieb.

Übertragen auf den Cloud-Markt hieße das: Infrastruktur und Anwendung werden getrennt betrachtet. Der Zugang zur Infrastruktur werde offen und diskriminierungsfrei gestaltet. Das Ziel sei ein „Level Playing Field“, das europäischen Anbietern erlaube, im Wettbewerb auf Augenhöhe zu bestehen.

Auch bei öffentlichen Ausschreibungen sieht Windbichler Handlungsbedarf. Die Bewertungskriterien sollten die Realität einer digital hochvernetzten Welt widerspiegeln. Wettbewerb sei ein zentraler Aspekt – und die Spielregeln stellten die Weichen.

Fünf Punkte für Europa

Die Initiative hat fünf Schwerpunkte definiert:

  1. Innovation & Wertschöpfung: Neue digitale Produkte und Dienstleistungen werden in Europa entwickelt, Arbeitsplätze und Wohlstand entstehen vor Ort.
  2. Sicherheit & Vertrauen: Daten bleiben unter europäischer Kontrolle, Cyberrisiken sinken.
  3. Unabhängigkeit & Resilienz: Europa wird weniger anfällig für externe Marktmacht und geopolitische Abhängigkeiten.
  4. Wettbewerbsfähigkeit: Europäische Lösungen werden weltweit konkurrenzfähiger und exportierbar.
  5. Europäische Werte: Datenschutz, Transparenz und Menschenrechte werden in globalen Technologiestandards verankert.

Statements der Partner

Gerda Holzinger-Burgstaller, CEO der Ersten Bank, verweist auf die Pionierrolle österreichischer Forschung in der Quantensicherheit. Christoph Knogler, CEO von Keba, mahnt: Europa dürfe beim Einsatz künstlicher Intelligenz den Anschluss nicht verlieren. Er setzt auf On-Device- und On-Edge-KI-Lösungen für unabhängige Prozesse.

Andreas Kranabitl, Geschäftsführer von SPAR ICS, bringt seine Erfahrung als Anwender und Betreiber digitaler Handelslösungen ein. Wolfgang Litzlbauer, Vorstandsvorsitzender von Umdasch, beschreibt seinen Ansatz als „glokal“ – globale Strategie, lokal umgesetzt. Harald Schabernack, CIO der Vienna Insurance Group, sieht in eigenständigen europäischen Innovationen eine Chance, Kontrolle über Technologie und Daten zu behalten.

Anexia als Mitgestalter

Anexia betreibt eigene Infrastruktur in Europa und unterliegt ausschließlich europäischem Recht. Das Unternehmen schließt extraterritoriale Zugriffsmöglichkeiten strukturell aus. CEO Windbichler ist Vorstandsmitglied bei CISPE, dem Handelsverband für europäische Cloud-Provider.

Das Unternehmen wurde 2006 gegründet, ist eigentümergeführt und hat seinen Sitz in Österreich. Es beschäftigt 500 Mitarbeitende und betreut 210.000 Kunden weltweit. Das Netzwerk umfasst mehr als 100 Rechenzentrumsstandorte in 70 Ländern.

Die Struktur unterscheidet sich von US-Hyperscalern, bei denen die Konzernmutter US-amerikanischem Recht unterliegt und damit potenziell dem US Cloud Act. Dieses Gesetz erlaubt US-Behörden unter bestimmten Voraussetzungen Zugriff auf Daten von Anbietern mit US-Bezug – unabhängig vom Serverstandort.

Gütesiegel gegen „Sovereign-Washing“

Das Positionspapier schlägt ein „Gütesiegel für Souveränität“ vor. Es soll verlässliche Qualitätsstandards im Cloud-Bereich transparent machen und sogenanntem „Sovereign-Washing“ vorbeugen. Davon würden öffentliche Beschaffung, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger profitieren.

Anexia begleitet Unternehmen beim Aufbau souveräner Cloud-Architekturen – von der Bestandsaufnahme bestehender Abhängigkeiten bis zur resilienten, auditierbaren Infrastruktur ohne proprietäre Lock-ins.

Wie es weitergeht

Die Initiative versteht sich als Impulsgeberin. Ihr Positionspapier fließt in den politischen und gesellschaftspolitischen Dialog mit Wirtschaft und Wissenschaft ein. Weitere Diskussionsveranstaltungen sind geplant.

Das vollständige Positionspapier steht unter www.souveraen-digital.at zum Download bereit.

Quelle: https://anexia.com/blog/de/digitale-souveraenitaet-oesterreich-ergreift-die-initiative

Worüber spricht Klagenfurt morgen?

Bald verfügbar: Kostenloses News Briefing aus deiner Region – jeden Morgen um 6 Uhr.

Mit der Anmeldung nimmst du die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

austria.com auf Google bevorzugen.