Steinkauz erobert Niederösterreichs Weingärten zurück

Mathias FischerMathias Fischer
Reife Weintrauben hängen im sonnigen Weingarten in der Steiermark an den Reben.
© Henning Heilmann

In niederösterreichischen Weinbaugebieten breitet sich der stark gefährdete Steinkauz wieder aus. Möglich macht das eine Kombination aus ökologischerem Weinbau und speziellen Nistkästen, die Forschende der Veterinärmedizinischen Universität Wien entwickelt haben.

Seit einigen Jahren stehen in den Weingärten Niederösterreichs auf rund dreieinhalb Meter hohen Metallstangen montierte Nistkästen. Sie sollen dem Steinkauz helfen, sich wieder großflächiger anzusiedeln. Die kleine Eulenart war stark gefährdet und auf wenige Restbestände reduziert. Dass sich die Population nun erholt, verdankt sie einem Wandel in der Bewirtschaftung und einer Initiative der Österreichischen Vogelwarte, einer Einrichtung der Vetmeduni.

Richard Zink, Leiter der Außenstelle Seebarn am Wagram, berichtet von einem besonderen Zeichen der Wertschätzung: Mittlerweile existiert sogar ein „Athene“-Weißwein – benannt nach dem lateinischen Namen der Eulenart „Athene noctua“. Die Winzer in der Region nahe Krems seien stolz darauf, dass sich in ihren Weingärten wieder mehr Arten ansiedeln.

Weinbau schafft neue Lebensräume

Dem Forschungsteam um Zink fiel rasch auf, dass die Artenvielfalt in den Weinbauflächen zugenommen hat. Der Grund: Die Bewirtschaftung hat sich verändert. Es wird weniger Insektizid eingesetzt, und zwischen den Rebzeilen dürfen wieder Pflanzen wachsen oder werden gezielt zur Begrünung angebaut, um Bodenerosion zu verhindern. Lange Zeit galt jede Pflanze als Konkurrenz für den Wein.

Entstanden sei eine „Wiesenlandschaft aus zweiter Hand“, erklärt Zink. Optisch dominiere zwar der Weinbau, strukturell ähnle das Gebiet aber „ausgeräumten“ Weideflächen mit kurzer Vegetation, wie sie vor Jahrhunderten weite Teile des Flachlandes prägten. Mit diesen Ökosystemen kämen viele kleinere Vogelarten gut zurecht – allen voran der Steinkauz.

Neben ihm profitieren auch Wiedehopf, Neuntöter und Heidelerche. In der Region um Fels am Wagram bieten die Abbruchkanten der Lössterrassen mit ihren horizontalen Röhren und Mini-Höhlen ideale Brutplätze für Bienenfresser. Das Umfeld sei auch für viele Insektenarten, Eidechsen, Feldhamster, Ziesel und „sogar den ganz seltenen Steppeniltis“ geeignet. Der Steinkauz ernährt sich gerne von Grillen, anderen Insekten und Mäusen. „Das Angebot ist deutlich besser geworden“, so Zink.

Rebzikade bedroht positive Entwicklung

Trotz der erfreulichen Entwicklung schwebt eine Gefahr über dem Weinbau: die eingeschleppte Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus). Sie breitet sich bereits in der Steiermark und im Seewinkel aus. Die von ihr übertragene Vergilbungskrankheit verläuft heimtückisch und schleichend über mehrere Jahre. In manchen Regionen wurde der Insektizideinsatz bereits behördlich angeordnet. „Das könnte diese extrem positive Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte wieder unterlaufen“, befürchtet Zink.

Spezielle Nistkästen als Schlüssel zum Erfolg

Aktuell gilt es, den Vögeln bei der flächendeckenden und nachhaltigen Etablierung zu helfen. Das Team um Zink setzt dabei auf eine einfache, aber wirksame Methode, die auf einer Idee eines burgenländischen Kollegen beruht: speziell auf die Bedürfnisse der Käuze abgestimmte, Steinmarder-sichere Stangennistkästen. Rund 200 davon wurden in den Weingärten um Seebarn aufgestellt.

Dem Steinkauz fehlten im neuen Lebensraum nämlich Bruthöhlen, da die Tiere selbst keine Nester bauen. Wo die Nisthilfen optimal platziert werden sollten, ermittelte das Team mit einem selbst entwickelten Computermodell. Nähe zu Waldkauzvorkommen – Fressfeinde des kleineren Steinkauzes – oder zu Verkehrsadern sollten vermieden werden.

Ein weiterer Vorteil der Nisthilfen: Die Forschenden kommen „ganz nahe an die Vögel heran“, um Proben zu nehmen, die Tiere zu markieren und zu beobachten. Der Steinkauz sei eine „Modellart“, an der gezeigt werden könne, wie Schutzmaßnahmen wirken. Zugleich dienen die Vögel als „Gesundheitsanzeiger“, wenn sich in einer Region Schadstoffe wie Schwermetalle stärker anreichern.

Ziel: Zusammenhängende Verbreitungskorridore

Die Fläche der niederösterreichischen Weingärten beläuft sich auf rund 28.000 Hektar – sei also „riesig“, so Zink: „Wenn wir an den richtigen Schräubchen drehen, hat man eine irrsinnige Breitenwirkung.“ Das längerfristige Ziel ist das Bilden von zusammenhängenden Verbreitungskorridoren vom Pulkautal im Norden bis ins Mostviertel und Oberösterreich im Südwesten, wo es überall kleine Steinkauz-Restbestände gibt. Schließt man diese Populationen zusammen, sehe es gut für die Vögel aus.

Hilfreich wäre auch, wenn Winzer wieder mehr Bäume in ihren Gärten wachsen ließen, in denen die kleinen Eulen natürliche Nisthöhlen finden könnten, so der Wissenschafter.

Winzer stehen hinter dem Projekt

Bis dahin brauche es das Naturschutz- und Forschungsprojekt. Das sei aufwendig, „macht aber viel Freude“. Die Grundeigentümer würden sehr hinter dem Vorhaben stehen und sich mit den nun wieder zahlreicheren Arten identifizieren. Das könnte viele Winzer dazu animieren, möglichst wenig Insektizide einzusetzen, wenn die Rebzikade tatsächlich in der Region auftaucht. „Sie wissen, was sie jetzt in ihren Weingärten haben und was die Umstellung der Bewirtschaftung alles Positives bewirkt hat“, zeigt sich Zink überzeugt: „Das ist ein sehr fruchtbares Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und Weinbau.“

Bei einem Besuch an einem der Nistkästen mitten in den Weinbergen am Wagram oberhalb von Fels zeigt sich der Erfolg: Man sieht viele Bienenfresser und auch einen Bussard. Beim Blick in die Bruthilfe erkennt Zink einige erst vor wenigen Tagen geschlüpfte Jungvögel. Die vier Kleinen sind noch blind und in der Brutsaison spät dran. Die Vogelmutter schützt ihren Nachwuchs, indem sie mit leicht geöffneten Schwingen über ihm sitzt. Das Nest ist voll mit erbeuteten Mäusen. Ob die Nachzügler durchkommen, lasse sich schwer prognostizieren. Der nahe lebende Bussard erhöhe die Chancen nicht unbedingt.

Von 50 auf 400 Paare in Österreich

Heuer zählte man bereits 64 Jungvögel in den Stangenkästen der Region. Im kommenden Jahr werden voraussichtlich noch mehr Kästen besiedelt sein. Alleine in der Weinbaugegend östlich von Krems gibt es aktuell geschätzte 40 bis 50 Steinkauz-Paare. Vor wenigen Jahrzehnten gab es österreichweit nur noch 50 bis 70 Paare – das sei ein großer Fortschritt.

„Jetzt sind wir in Österreich wieder bei rund 400 Paaren – Tendenz deutlich steigend. Das ist eine sehr positive Entwicklungsgeschichte“, freut sich der Ökologe.

Mit abgestimmten Nistkästen unterstützt die Vogelwarte auch Habichtskäuze, Wiedehopfe und Sakerfalken im Rahmen eigener Projekte. Letztere sind weltweit stark gefährdet. Nur in zwei Ländern der Welt nimmt ihr Bestand momentan zu, eines davon ist Österreich, erklärt Zink.

Quelle: APA

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