Steve Reich wird 90: Graz feiert mit 24-Stunden-Marathon

Der US-amerikanische Minimal-Music-Komponist Steve Reich feiert am 3. Oktober seinen 90. Geburtstag. In Graz wird der Jubilar mit einem außergewöhnlichen Musikmarathon geehrt: 24 Stunden lang musizieren 90 Künstlerinnen und Künstler an 24 Standorten.
Steve Reich zählt neben Philip Glass und John Adams zu den bekanntesten lebenden Komponisten der USA. Sein 90. Geburtstag am Samstag wird weltweit gewürdigt – besonders aufwendig jedoch in der steirischen Landeshauptstadt. Das Ensemble Studio Percussion hat dort ein Megaprojekt auf die Beine gestellt: Von Mitternacht bis Mitternacht erklingen Werke des Jubilars durchgehend in der ganzen Stadt.
Von der Weikhard-Uhr bis zum Schlossberg
Die Grazer Weikhard-Uhr spielt anlässlich des Jubiläums statt der Big-Ben-Melodie Kompositionen von Reich. In der Herz-Jesu-Kirche ist auch mitten in der Nacht „Pendulum Music“ zu hören. Im Minoritenzentrum startet der Tag mit „Minimales Frühstück“ und musikalischen Häppchen zu Reich-Klängen.
Am Ostbahnhof wird das bedeutende Werk „Different Trains“ aufgeführt, in der Kanonenhalle des Schlossbergs erklingt „City Life“. Den Abschluss bildet die Technoformation Elektro Guzzi im Theater im Palais mit „Happy Birthday Dear Steve“.
Weltweite Ehrungen für den Minimal-Music-Pionier
Auch international wird Reich gefeiert. In Gateshead verwandelt sich das Glasshouse rund um den Geburtstag in ein Reich-Zentrum mit zahlreichen Konzerten und Formaten. Kuratiert werden die Feierlichkeiten von Colin Currie, einem der wichtigsten Interpreten von Reichs Musik.
Der Percussionist wird 2027 auch Grafenegg in ein Reich-Zentrum verwandeln. Das Festival ehrt den Komponisten unter seinem neuen Intendanten Johannes Neubert mit einer umfassenden Personale. Geplant sind unter anderem drei Orchesterkonzerte mit Kernwerken aus dem Reich-Œuvre. Ab Juni gibt es zudem die Ausstellung „Alles eine Phase“ zum Leben des Jubilars.
Vom Philosophiestudium zur Minimal Music
Steve Reich kam am 3. Oktober 1936 als Sohn der Sängerin und Dichterin June Carroll und des Anwalts Leonard J. Reich in einer deutsch-jüdischen Bildungsbürgerfamilie zur Welt. Seine Ausbildung verlief zunächst klassisch, erst spät kam er mit zeitgenössischer oder barocker Musik in Kontakt.
Er studierte an der Cornell University in Ithaca Philosophie und verfasste 1957 eine Dissertation über das Spätwerk Ludwig Wittgensteins. Über den Jazz näherte er sich der Idee, als Komponist zu arbeiten, und wurde mit nur 21 Jahren an der New Yorker Juilliard School aufgenommen.
Dort traf er auf seinen Mitschüler Philip Glass. Als Percussionist hatte Reich jedoch einen schweren Stand und geriet mit dem akademischen Zugang zu Musik in Konflikt. Dies änderte sich mit dem Umzug nach Kalifornien, wo er am Mills College in Oakland studierte und von Koryphäen wie Darius Milhaud oder Luciano Berio unterrichtet wurde.
Umzugshelfer und Durchbruch
Zurück in New York gründete Reich 1966 das Ensemble „Steve Reich and Musicians“, konnte aber noch nicht von seiner musikalischen Arbeit leben. Gemeinsam mit Philip Glass musste er vorübergehend sogar als Umzugshelfer arbeiten.
Nach ausgedehnten Studienreisen durch Europa, Afrika und Asien fand Reich ab Mitte der 1970er-Jahre langsam ein größeres Publikum. Der weitgehend atheistisch erzogene Komponist wandte sich in dieser Zeit auch vermehrt dem Judentum zu, erlernte Hebräisch und studierte die Thora. Dies spiegelte sich in Arbeiten wie „Tehillim“ oder „Different Trains“, das den Holocaust thematisiert.
Vom Tonbandexperiment zum Orchesterklang
Am Anfang standen Experimente mit Tonbändern, die Reich mit verschiedenen Geschwindigkeiten abspielte, um mittels „Phasing“ einen eigenen Klangeffekt zu erzielen. Die durch Trommelstudien in Afrika und die Annäherung an die balinesische Gamelanmusik inspirierten kurzen Tonfragmente wichen mit der Zeit dem großen Orchesterklang.
Hatte Reich in den 1960er-Jahren vor allem Werke für kleinere Ensembles geschaffen, erweiterte er ab Ende der 1970er sein Repertoire und die entsprechenden Klangkörper. Beispiele sind „Music for a Large Ensemble“ (1978) oder „Tehilim“ (1982). Zugleich blieb der Meister des rhythmischen Kontrapunkts dem Experiment und der Elektronik treu. So beteiligte er sich auch im höheren Alter an Remixversionen seiner Stücke („Reich: Remixed“ 1999 und „Reich: Remixed 2006“).
Verschmelzung von Musik und Video
Zunehmend interessierte sich Reich für die Verschmelzung seiner Klänge mit visuellen Elementen, etwa in der 2019 entstandenen Hommage an Gerhard Richter unter dem Titel „Reich/Richter“. Hier dürfte auch der Einfluss seiner Ehefrau, der Videokünstlerin Beryl Korot, mit der Reich seit 1976 verheiratet ist, eine Rolle spielen.
Mit ihr gestaltete er etwa auch „Three Tales“, eines seiner bekanntesten Werke. Darin verband er den Absturz des Zeppelins „Hindenburg“, die Atomversuche auf dem Bikini-Atoll und die Geschichte des Klonschafs Dolly in einer Videooper.
Aktiv bis heute
Der Fast-Neunzigjährige ist bis heute aktiv. Ende August feierte sein Werk „In All Your Ways“ für großes Ensemble, basierend auf einem religiösen Text, in Edinburgh Weltpremiere. Das Stück wird kommendes Jahr auch in Grafenegg erklingen.
Heute umfasst das Œuvre des Trägers des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst (seit 2016) Orchesterwerke und Vokalarbeiten, Stücke für große Klangkörper und kleine Ensembles, Kammermusik wie Soloarbeiten. Vieles davon wird am 3. Oktober in Graz zu erleben sein.
Quelle: APA
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