Tagung zu Trauma-informierter Praxis in Archiven geplant

Eine Veranstaltung mit Workshop-Charakter widmet sich dem Umgang mit belastenden historischen Unterlagen. Gesucht werden Beiträge zu Fragen der Vermittlung, institutionellen Strukturen und digitaler Ethik.
Die Beschäftigung mit historischen Dokumenten kann bedeuten, sich direkt und wiederholt mit extremer Gewalt, systematischer Entmenschlichung und individuellem Leid auseinanderzusetzen. Das betrifft nicht nur Einrichtungen, die sich mit Nationalsozialismus oder Kolonialismus befassen, sondern auch viele andere Kulturinstitutionen und Archivbereiche, selbst dort, wo belastende Unterlagen auf den ersten Blick nicht vermutet werden.
Im englischsprachigen Raum wird das Konzept der trauma-informierten Archivpraxis seit rund 15 Jahren theoretisch und praktisch fundiert, ausgehend von Kanada und Australien. Im deutschsprachigen Raum steht die systematische Auseinandersetzung noch am Anfang, erst in jüngster Zeit entstehen Publikationen dazu.
Zentrale Fragestellungen
Im Mittelpunkt stehen grundlegende Fragen: Welche Bedeutung hat die Beschäftigung mit Unterlagen, die Gewalt dokumentieren, für Betroffene, Mitarbeitende und Nutzende? Welche strukturellen Maßnahmen können Institutionen treffen, um einen sensiblen und informierten Umgang mit belastendem Material zu etablieren? Wie lassen sich mögliche sekundäre Traumatisierungen des Personals oder Re-Traumatisierungen betroffener Nutzerinnen und Nutzer vermeiden?
Unter Trauma wird eine Reaktion auf ein Ereignis oder eine Abfolge von Ereignissen verstanden, die Einzelpersonen oder Gemeinschaften überwältigen und langfristige, komplexe Folgen haben können. Sekundäres Trauma bezeichnet Belastungen, die durch die Beschäftigung mit traumatischen Erfahrungen anderer Personen oder belastendem Material entstehen können, auch ohne eigene direkte Betroffenheit.
Trauma-informierte Praxis geht davon aus, dass belastende Unterlagen emotionale und körperliche Reaktionen auslösen können, die ernst genommen werden müssen – statt sie zu individualisieren oder zu verdrängen, gelten sie als Teil der Arbeits- und Vermittlungsrealität, die Institutionen berücksichtigen sollten.
Kollaborative Tagung mit Workshop-Charakter
Die kollaborative Tagung mit Workshop-Charakter bietet neben theoretischem Input Raum für Austausch zu Fallbeispielen und Erfahrungen sowie die Entwicklung von Best-Practice-Leitfäden – mit dem Ziel, voneinander zu lernen und über die Tagung hinaus zu wirken.
Fünf Themenschwerpunkte
Gesucht werden Beiträge zu folgenden Themen:
Die Begegnungen: Wie können Nutzende – etwa Angehörige, Betroffene, Studierende, Forschende und Lernende – auf belastende Inhalte vorbereitet und dabei begleitet werden? Welche Herausforderungen gibt es für die Archiv- und Gedenkstättenpädagogik und in Situationen der Nutzung, etwa in Lesesälen oder Seminarräumen? Wie unterscheiden sich die Mitarbeitenden in ihrer Arbeitserfahrung im Umgang mit belastendem Material?
Der Blick nach innen: Welche Formen von Austausch, Prävention und Supervision brauchen Mitarbeitende in belastenden Arbeitsumfeldern? Wie kann man Sensibilisierung für Trauma und Belastung in die Ausbildung von Archivarinnen und Archivaren, Museologinnen und Museologen, Vermittlerinnen und Vermittlern sowie Historikerinnen und Historikern einbauen? Seit wann gibt es überhaupt ein Bewusstsein für Trauma? Wer wurde und wird als traumatisiert anerkannt, und welche Erfahrungen blieben oder bleiben unsichtbar? Welche Strategien und Praktiken haben sich bei der Arbeit an historisch belasteten Orten entwickelt?
Die Sprache der Erschließung: Wie gehet man mit diskriminierender Sprache in historischen Unterlagen und Metadaten um? Mit welchen Formulierungen beschreiben wir Diskriminierung in Beständen, ohne sie unreflektiert zu wiederholen, aber trotzdem sichtbar zu machen? Wie können wir mit Angehörigen betroffener Communities in Austausch treten und ihre Anregungen bei der Erschließung berücksichtigen? Welche Strategien gibt es im Umgang mit widersprüchlichen Angaben oder hochsensiblen Unterlagen wie Erinnerungsberichten, medizinischen Unterlagen oder Dokumenten zu Sex-Zwangsarbeit?
Nicht einfach online: Wie können belastende Inhalte wie Gewaltfotografien oder Täter-Dokumente online zugänglich gemacht werden? Welche Rolle spielen Content-Warnungen und Zugangsbeschränkungen wie Anmelde- und Freischaltungsverfahren im digitalen Raum? Wie lassen sich rechtliche Vorgaben wie Datenschutz, ethische Verantwortung und der Schutz der Betroffenen mit dem Anspruch vereinbaren, Geschichte transparent zu vermitteln und historische Quellen zugänglich zu machen? Wie können digitale Angebote so gestaltet werden, dass sie möglichst barrierearm und niederschwellig für unterschiedliche Fähigkeiten und technische Kenntnisse sind?
Das Zeigen: Vor welchen ethischen Herausforderungen stehen Kuratorinnen und Kuratoren, wenn sie Exponate auswählen und zeigen, die Gewalt darstellen? Wie kann man verhindern, dass sich Besucherinnen und Besucher wie Voyeure fühlen? Wie können Ausstellungen Wahlmöglichkeiten bieten, damit sich Besucherinnen und Besucher selbstbestimmt mit belastenden Inhalten auseinandersetzen können? Wie lassen sich „Safer Spaces“ in Ausstellungsräumen schaffen? Wie gehen wir kuratorisch mit persönlichen Gegenständen von Verfolgten oder gewaltbezogenen Objekten um, damit die Würde der Betroffenen gewahrt bleibt? Welche Rolle spielen Licht, Ton und Farbwahl bei der Vermittlung belastender Inhalte?
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