TFA im Grundwasser hat sich in fünf Jahren verdoppelt

Die Konzentration der Ewigkeitschemikalie Trifluoressigsäure im österreichischen Grundwasser ist binnen rund fünf Jahren um mehr als 110 Prozent gestiegen. Das zeigt eine Auswertung amtlicher Messdaten, die Global 2000 am Dienstag präsentiert hat.
Eine wissenschaftliche Analyse amtlicher Messdaten belegt einen massiven Anstieg der Trifluoressigsäure (TFA) im österreichischen Grundwasser. Die Umweltschutzorganisation Global 2000 stellte die Ergebnisse am Dienstag bei einer Pressekonferenz vor. An 16 Messstellen, die in beiden Untersuchungszeiträumen erfasst wurden, stieg die TFA-Konzentration von 1,36 auf 2,86 Mikrogramm pro Liter – ein Plus von über 110 Prozent.
Die EU-Chemikalienbehörde ECHA hat TFA kürzlich als fortpflanzungsschädigend eingestuft. „Im Burgenland, in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark, da wo viel Landwirtschaft betrieben wird, zeigten sich die höchsten Konzentrationen“, erklärte Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000.
Daten vom Landwirtschaftsministerium erhalten
Global 2000 erhielt die Daten von 98 Messstellen aus 2018/2019 und 107 Messstellen aus 2024 Ende Juni vom Landwirtschaftsministerium aufgrund einer Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz. Die wissenschaftliche Auswertung wurde am Dienstag als Preprint veröffentlicht. Burtscher-Schaden räumte ein, dass es sich nicht um eine repräsentative Messprobe für ganz Österreich handle, betonte aber die Aussagekraft der 16 direkt vergleichbaren Messstellen.
Bezieht man alle Messstellen ein, liege der Wert dreimal höher, so der Umweltchemiker. Dies sei zwar kein Maß für eine Änderungsrate, zeige aber, dass der Anstieg auch dort sichtbar sei, wo ein paarweiser Vergleich nicht möglich war.
Zusammenhang mit Pestiziden und Nitraten
Die Studie untersuchte auch, ob der TFA-Eintrag auf PFAS-Pestizide zurückzuführen ist. Die Werte der einzelnen Messstellen wurden mit den jeweiligen Werten zu Pestizid- und Nitrat-Belastung verglichen. Das Ergebnis: eine relativ starke Korrelation mit Pestiziden und eine starke bis moderate mit Nitraten. Ohne andere TFA-Quellen wie F-Gase auszuschließen, zeige sich ein substanzieller landwirtschaftlicher Beitrag, so Burtscher-Schaden.
Kein Zusammenhang ergab sich hingegen mit anderen in der Umwelt nachgewiesenen per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS). An 104 Messstellen mit Daten zu beiden Parametern lag die mittlere TFA-Konzentration rund 264-mal so hoch wie die mittlere PFAS-27-Summe.
Für toxikologisch relevante Abbauprodukte von Pestiziden im Grundwasser gilt ein EU-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. TFA sei ein solches toxikologisch relevantes Abbauprodukt, dessen mittlere Konzentration an den 2024 untersuchten Messstellen bei 2,4 Mikrogramm pro Liter lag – rund 24-mal über diesem Wert.
Warnung vor langfristigen Auswirkungen
Mattias Öberg, Toxikologe am schwedischen Karolinska Institutet und Ko-Autor der Studie, warnte, dass sich TFA weltweit anhäuft. Was heute entsteht, bleibe im Wasserkreislauf. Eine Reinigung wäre theoretisch möglich, aber zumindest aktuell energieintensiv und teuer. TFA sei eine Chemikalie mit langfristigen Auswirkungen. Aus Tierstudien weiß man, dass sie auch auf Schilddrüsenhormone oder die Leber wirkt.
Die Frage sei nicht nur, ob die heutigen Konzentrationen schon schädlich sind. „Wir überschreiten immer mehr Grenzen“, so Öberg. Das Grundwasser sei eine der wichtigsten Ressourcen, und die langfristigen Gesundheitsauswirkungen von TFA seien immer noch nicht vollständig geklärt. Global 2000 beschreibt TFA als ein sehr kleines und hoch mobiles PFAS, das beim Abbau von fluorierten Pestiziden, Kältemitteln, Arzneimitteln und Industriechemikalien entsteht oder direkt freigesetzt wird.
Angeliki Lyssimachou, Senior Scientist bei PAN Europe, nannte die österreichischen Ergebnisse ein Warnsignal für die EU. Andere Mitgliedstaaten sollten ihre Grundwasserdaten auf ähnliche Entwicklungen prüfen und die Einträge von TFA und seinen Vorläuferstoffen konsequent verringern. Zudem forderte Lyssimachou ein Verbot der PFAS-Pestizide.
Kritik an fehlendem Vergleich durch Ministerium
Global 2000 kritisierte, dass das Landwirtschaftsministerium die beiden Messserien zwar in seiner eigenen Berichtsreihe veröffentlicht habe, aber keinen Vergleich wie in der Studie durchgeführt habe – der TFA-Anstieg sei so bisher unsichtbar geblieben. Das sei erklärungsbedürftig. „Wir werden dieser Frage nachgehen und dazu in den kommenden Tagen weitere Informationen vorlegen“, kündigte Alexandra Strickner, politische Geschäftsführerin von Global 2000, an.
Olga Voglauer, Landwirtschaftssprecherin der Grünen, kritisierte in einer Aussendung ebenfalls, dass die Messreihen erst durch die Studie verglichen und publiziert wurden. Dabei wäre es die Aufgabe des Landwirtschafts- und Umweltministers, solche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und das Wasser zu schützen. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig müsse nun erklären, welche Konsequenzen er aus den Daten seiner eigenen Behörden zieht, forderte sie. Seit rund eineinhalb Jahren liegt ein Antrag auf ein PFAS-Pestizidverbot im Nationalrat, den die Regierungsfraktionen laut Voglauer bereits mehrfach vertagt haben – zuletzt im Juni.
Ministerium nimmt Ergebnisse ernst
In einem Statement gegenüber der APA erklärte das Landwirtschaftsministerium, man nehme die Ergebnisse sehr ernst, eine sachliche Einordnung sei jedoch wichtig: Die Zahl der direkt vergleichbaren Messstellen sei gering, zudem seien diese gezielt in potenziell belasteten Gebieten ausgewählt worden. Eine allgemeine Aussage über die Entwicklung des gesamten österreichischen Grundwassers ließen die Ergebnisse daher nicht zu.
Ziel sei es, Grundwasser, Umwelt und Gesundheit auf hohem Niveau zu schützen und gleichzeitig eine nachhaltige und qualitativ hochwertige landwirtschaftliche Produktion und Lebensmittelversorgung zu sichern. Dafür müsse man alle relevanten Eintragspfade in den Blick nehmen. Weitergehende Maßnahmen bis hin zu Verboten müssten EU-weit harmonisiert diskutiert werden.
Die steigende Belastung mit TFA zeige dringenden Handlungsbedarf, hielt Bio Austria in einer Aussendung fest. Weitere Einträge dieser Ewigkeitschemikalien müssten verhindert werden, so Obfrau Barbara Riegler. Im Regierungsprogramm sei bereits vorgesehen, den biologischen Pflanzenschutz als Alternative zu chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln stärker zu fördern. Das müsse nun konsequent umgesetzt werden, forderte sie.
Der Preprint zur Studie „Increasing Trifluoroacetic Acid Concentration in Austrian Groundwater and Its Associations with Agricultural Indicators“ wurde auf chemrxiv.org veröffentlicht und ist unter dem Link https://go.apa.at/u7XugS0N abrufbar.
Quelle: APA
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