Transparenz bei Unsicherheiten stärkt Glaubwürdigkeit

Offener Umgang mit wissenschaftlichen Zweifeln ist keine Schwäche, sondern eine Stärke der Forschung. Eine Überblicksstudie zeigt: Wer Unsicherheiten transparent kommuniziert, erhöht in der Regel die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Der offene Umgang mit Zweifeln und unbeantworteten Fragen unterscheidet Wissenschaft von anderen Wissensarten. Andreas Scheu, Professor für Wissenschaftskommunikation von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Universität Klagenfurt, betont: Der transparente Umgang mit den eigenen Grenzen „ist kein Bug, sondern ein Feature“. Gemeinsam mit einem Kollegen untersuchte er im Rahmen einer Überblicksstudie, welche Argumente für Transparenz bei Unsicherheiten sprechen.
Wer diese Unsicherheit als Makel darstelle, versuche aus einer Stärke eine Schwäche zu machen, so Scheu. In der Außenkommunikation werde damit oft zu defensiv umgegangen. Forschung sei ein Prozess der permanenten Selbstkorrektur – das zu kommunizieren sei wichtig.
Positive Effekte überwiegen deutlich
Scheu und sein Kollege Christian Schuster von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften analysierten 24 internationale Studien aus dem Zeitraum 1995 bis Ende 2022. Elf davon stammen aus Europa, neun aus Nordamerika. Die Ergebnisse wurden im Journal „Risk Analysis“ veröffentlicht und basieren auf einem bereits 2023 erschienenen Bericht für die deutsche Initiative „Transfer Unit Wissenschaftskommunikation“.
„In unserer Übersichtsanalyse haben positive und neutrale Effekte deutlich gegenüber den negativen Effekten überwogen“, erklärt Scheu. Wer wissenschaftliche Ergebnisse durchwegs als zu sicher darstelle und den Prozess gar nicht thematisiere, könne mittelfristig das Misstrauen fördern.
Überspitzungen bieten Angriffspunkte
Uneindeutige Ergebnisse werden in polarisierten Debatten nicht selten für eigene Zwecke instrumentalisiert – das zeigte sich auch rund um Covid-19. Übertreibungen in die eine oder andere Richtung seien nicht hilfreich, warnt der Forscher.
Als Beispiel nennt er die Klimaforschung, wo es gute systematische Analysen und einen großen wissenschaftlichen Konsens gibt. Auch hier könne es in der strategischen Kommunikation – unabhängig davon, ob für oder gegen Klimaschutzmaßnahmen argumentiert wird – zu einer Überspitzung wissenschaftlicher Sicherheit kommen. Das sei problematisch, weil solche Überzeichnungen Gegenpositionen unnötige Angriffspunkte bieten.
Drei Kategorien von Unsicherheit
Die Forscher unterscheiden zwischen Erkenntnisunsicherheit, methodischer Unsicherheit und Konsensunsicherheit. Die epistemische Unsicherheit sei immer da, jede Art von Wissen sei unsicher, so Scheu. Die methodische Unsicherheit, die ebenfalls immer bestehe, sei ein beliebter Angriffspunkt, falls jemand Zweifel an Ergebnissen säen wolle.
Die größte Herausforderung sieht Scheu bei Konsensunsicherheiten, wie sie etwa bei zwei Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen vorkommen können. Zu vermeiden seien künstlich aufgebauschte Konsensunsicherheiten, die eigentlich keine sind – wie in der Corona-Zeit geschehen, wo einzelne Akteure mit konträren Meinungen überproportional vorkamen.
Gutes Wissenschaftsvertrauen in Österreich
Das Narrativ, dass es in Österreich vergleichsweise viel Desinteresse oder Skepsis gegenüber Wissenschaft gibt, teilt Scheu nicht. Er verweist auf die jährlichen Umfrageergebnisse des ÖAW-Wissenschaftsbarometers, die ein gutes Wissenschaftsvertrauen in Österreich belegen. Es gebe aber eine bestimmte, anteilig kleinere Bevölkerungsgruppe, die sehr stabil skeptisch bis sogar misstrauisch sei – und die sollte man gut im Blick haben.
Gleichzeitig kritisiert der Forscher die beliebten Ländervergleiche. Bei den Vertrauens-Misstrauens-Narrativen würden die Länder oft gegeneinander gelegt, als wäre es eine Fußball-WM. So wolle er Vertrauenswerte nicht lesen. Sehr hohe Vertrauenswerte in Wissenschaft seien nicht automatisch ein Zeichen für besonders günstige gesellschaftliche Verhältnisse. Sie könnten etwa auch in Kontexten auftreten, in denen das Vertrauen in politische Institutionen gering ist und Wissenschaft stärker als Korrektiv wahrgenommen wird.
Entscheidend sei: „Wir brauchen ein kritisches, informiertes Vertrauen in die Wissenschaft – und das produziert nicht unbedingt maximale Vertrauenswerte.“
Quelle: APA
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