Trudeau warnt Europa vor Zugeständnissen an Trump

Der frühere kanadische Regierungschef Justin Trudeau hat Europa beim Salzburg Summit der Industriellenvereinigung dazu aufgerufen, gegenüber der US-Regierung unter Donald Trump keine Zugeständnisse zu machen. Wer versuche zu beschwichtigen, werde erleben, dass die USA „immer mehr wollen“.
Justin Trudeau hat am Freitag beim Salzburg Summit der Industriellenvereinigung (IV) eindringlich vor einer Appeasement-Politik gegenüber den USA gewarnt. Wer versuche, die US-Regierung zu beschwichtigen, werde feststellen, dass diese „immer mehr wollen“, erklärte der ehemalige kanadische Premierminister. Zudem warnte er vor einem Zerfall der regelbasierten Weltordnung, einem erstarkenden iranischen Regime und jeglichem Kriegserfolg Russlands in der Ukraine.
Nach Einschätzung Trudeaus strebt Donald Trump keine Win-Win-Situationen an, sondern wolle andere als Verlierer sehen. Während man früher noch davon ausgehen konnte, dass die USA im eigenen Interesse handelten, müsse man heute erkennen, dass Trump auch gegen die eigenen wirtschaftlichen Interessen des Landes agiere. Die Strafzölle würden letztlich „nur dem Profit der US-Unternehmen helfen“, die Bürger aber außen vor lassen, so der Kanadier. Als Antwort auf die US-Zölle sieht er ausschließlich die Diversifizierung und die Kooperation mit anderen verlässlichen Partnern, die vergleichbare Werte teilen.
Engere Partnerschaft mit Europa gewünscht
Trudeau plädierte für eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Kanada und Europa. Er wolle mit den Europäern „mehr gemeinsam machen“, aber „nicht unbedingt einer von ihnen sein“. „Europa ist so kompliziert“, sagte er und erinnerte an die Verhandlungen zum Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) aus dem Jahr 2017. Im Rahmen der nationalen Ratifizierungen habe er sich „plötzlich“ als kanadischer Premierminister mit nationalen Konflikten in Belgien oder Rumänien befassen und sich vor der Grünen-Partei in Deutschland rechtfertigen müssen.
Keine Kompromisse bei Ukraine-Krieg
Hinsichtlich des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine lehnte Trudeau Diskussionen über einen gesichtswahrenden Ausweg für Präsident Wladimir Putin ab. „Russland darf in keiner Weise gewinnen“, betonte er. Andernfalls würde weltweit das Signal ausgesendet, dass sich Grenzverschiebungen auszahlen.
Der Westen müsse die Ukraine so lange unterstützen, bis sie den Krieg gewinne oder selbst zu Friedensverhandlungen bereit sei. Die fehlende entschlossene Reaktion und das Ausbleiben „echter Konsequenzen“ auf die Krim-Annexion hätten die heutige Situation mit ermöglicht, so der frühere kanadische Regierungschef.
Kritik an US-Politik im Nahen Osten
Scharfe Kritik übte Trudeau auch an der US-Politik im Nahen Osten. Die Aufkündigung des internationalen Atomabkommens bezeichnete er als schweren Fehler, dessen Konsequenzen nun die ganze Welt treffe. Der von Washington angestrebte Regimewechsel im Iran sei „vollkommen unrealistisch“ gewesen. „Wir werden eine gestärkte iranische Führung akzeptieren müssen“, erklärte Trudeau.
Der von 2015 bis 2025 amtierende kanadische Premier warnte vor einer Erosion der regelbasierten Weltordnung. Staaten wie China, Indien oder auch die USA betrachteten diese Ordnung zunehmend als optional. Europa und auch Kanada müssten sich deshalb weiter dafür einsetzen, wenn sie keine modifizierte Weltordnung wollten. Trudeau appellierte auch an die Unternehmen, geopolitische Risiken künftig stärker in ihre Entscheidungen einzubeziehen und ihre Investitionen an demokratischen Werten auszurichten.
Vertrauensverlust durch gebrochene Versprechen
Demokratien weltweit würden mit neuen Unsicherheiten und tiefgreifendem Vertrauensverlust innerhalb der Bevölkerung kämpfen. Besonders die junge Generation leide unter dem Bruch des „sozialen Vertrags, der ihnen Fortschritt versprochen habe und sich heute aber nicht mehr erfüllen lässt“. Wenn junge Menschen das Gefühl hätten, dass der Zugang zu Eigentum unerreichbar sei und deshalb Lösungen „außerhalb des Systems“ suchten, drohe der Zusammenhalt der Demokratie auseinanderzubrechen.
Als wesentliche Brandbeschleuniger nannte er manipulative Algorithmen in sozialen Medien, die gezielt auf Kontroversen optimiert seien. Demgegenüber forderte Trudeau mehr Dialog, die Stärkung verlässlicher Medien sowie Diversität als Geschäftsstrategie, um Vertrauen und gesellschaftliche Stabilität zurückzugewinnen.
Quelle: APA
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