Uni Graz: Gedenkbuch für 49 vertriebene jüdische Studierende

Mona HopfingerMona Hopfinger
Stolpersteine vor dem Palais Coburg in Wien: Peter Michael Lingens und Andreas Koller
© Uni Graz/Tzivanopoulos, Uni Graz/Archiv

Ein neues biografisches Gedenkbuch dokumentiert die Schicksale von 49 jüdischen Studierenden, die 1938 von der Universität Graz ausgeschlossen wurden. Zeithistoriker Marco Jandl rekonstruierte erstmals ihre Lebenswege nach der Vertreibung.

Lisbeth Hochsinger musste ihr Medizinstudium 1938 abbrechen, weil die Nationalsozialisten sie als Jüdin von der Universität Graz vertrieben. In England nannte sie sich Lisbeth Hockey, wurde Krankenschwester und gilt heute als Pionierin der Pflegewissenschaften. Ihre Geschichte und die von 48 weiteren Studierenden hat Zeithistoriker Marco Jandl mit weiteren Autor:innen nun erstmals in einem biografischen Gedenkbuch aufgearbeitet.

Ausschluss im Frühjahr 1938

Bereits im Frühjahr 1938 wurden die Studierenden schrittweise aus „rassischen“ Gründen vom Studium ausgeschlossen. In der Pogromnacht vom 9. auf 10. November 1938 befanden sich einige von ihnen noch in Graz, wo sie verfolgt, misshandelt oder verhaftet wurden. Die meisten hatten die Stadt zu diesem Zeitpunkt aber schon verlassen.

„Vor allem nicht, was nach ihrer Vertreibung passierte“, beschreibt Marco Jandl die bisherige Wissenslücke. Gemeinsam mit Gerald Lamprecht, Leiter des Centrums für Jüdische Studien, nutzte er digitale Archive und Familienerzählungen für eine systematische Spurensuche.

Medizin war häufigste Studienrichtung

Von den 49 jüdischen Studierenden waren 39 in Medizin inskribiert, sechs an der Philosophischen und vier an der Juridischen Fakultät. Die meisten stammten aus Gebieten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie – aus der Bukowina, Siebenbürgen, Galizien und der Vojvodina.

Bis Ende des Sommersemesters 1938 durften sie noch Abschlussprüfungen ablegen. Manche promovierten „still“, ohne Festakt, mussten aber gleichzeitig schriftlich auf die Berufsausübung verzichten, so Lamprecht.

Flucht rettete viele vor dem Tod

Im Gegensatz zur gesamtjüdischen Bevölkerung überlebten viele der Studierenden das NS-Regime. „Sie waren jung, mobil und oft mehrsprachig“, erklärt Jandl. Den meisten gelang die Flucht nach Palästina, England, in die USA oder nach Shanghai. Nur ein einziger kehrte zurück: Otto Pollack schloss sein Medizinstudium an der Uni Graz 1950 ab.

Auch fünf Lehrende vertrieben

Das 340 Seiten starke Gedenkbuch „Ausschluss, Flucht und Neuanfang“ dokumentiert neben den Studierenden auch die Schicksale von fünf entlassenen Lehrenden. Darunter Landesrabbiner und Professor für Semitische Philologie David Herzog sowie Nobelpreisträger und Pharmakologe Otto Loewi.

„Obwohl die Universität Graz schon seit dem späten 19. Jahrhundert von einer stark deutschnationalen Ausrichtung gekennzeichnet war, waren die Vertreibungen ein fundamentaler Einschnitt in die Wissenschaftslandschaft, von dem sich die Hochschulen erst in den 1970er- und 80er-Jahren erholten“, betont Gerald Lamprecht.

Teil umfassender Aufarbeitung

Das Buch ist in eine umfassende Aufarbeitung der NS-Geschichte der Universität eingebettet. Neben wissenschaftlichen Projekten und künstlerischen Interventionen – etwa im einstigen NS-Studentenhaus in der Schubertstraße – erinnern heute Stolpersteine vor Gebäuden an die vertriebenen Universitätsangehörigen.

Rektor Peter Riedler unterstreicht: „Gerade der Blick auf die Epoche der nationalsozialistischen Diktatur verdeutlicht den Stellenwert von Wachsamkeit und einer pluralistischen Demokratie.“

Das Buch wird am 11. November 2026 an der Universität Graz vorgestellt.

Quelle: https://www.uni-graz.at/de/neuigkeiten/spurensuche-neues-buch-zeichnet-lebenswege-juedischer-studierender-der-uni-graz-nach

Worüber spricht Graz morgen?

Kostenloses News Briefing aus deiner Region – jeden Morgen um 6 Uhr.

Mit der Anmeldung nimmst du die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

austria.com auf Google bevorzugen.