Verunelli bei Festspielen: „Jede Stimme zählt“

Mathias FischerMathias Fischer
31 Töne pro Oktave: Abstrakte Musikwellen mit Silhouetten und Noten
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Salzburger Festspiele widmen der italienischen Komponistin Francesca Verunelli heuer zwei Konzerte. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die menschliche Stimme – von der ersten Schwingung im Leben bis zu historischen Stimmungssystemen der Renaissance.

Die Salzburger Festspiele präsentieren heuer ein Porträt der italienischen Komponistin Francesca Verunelli mit zwei Konzerten. Beim Terrassentalk am Dienstagnachmittag sprach sie über ihre Arbeit mit der menschlichen Stimme und ihre Auseinandersetzung mit Komponisten der Renaissance sowie historischen Stimmungssystemen. Am selben Abend fand das erste Konzert statt, das ihre Musik Werken der Renaissance gegenüberstellte.

Mehr Raum für zeitgenössische Komponisten

Die Reihe soll zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten künftig mehr Raum geben. Nach der intensiven Beschäftigung mit „Klassikern der Moderne“ wolle man sich nun „mehr an und in die Gegenwart wagen“, erklärte Konzertchef Axel Hiller, von dem die Idee für den Schwerpunkt stammt.

Die Stimme als Ursprung allen Klanges

Verunelli beschäftigt vor allem die Stimme. Sie spiele eine immer wichtigere Rolle, sagte die Komponistin. „Die Stimme ist der Ursprung jeglichen Klanges. Sie ist die erste Vibration, die wir erfahren, die erste Schwingung im Leben“, erklärte sie. Gleichzeitig sei sie vielleicht auch am weitesten von Instrumenten entfernt.

Sie habe lange gewartet, bevor sie sich an die Stimme herangewagt habe. „Ich wollte verstehen, was die Stimme ist. Vielleicht mehr als diese erste Erfahrung: die Mutter, die uns etwas vorsingt. Und dann gibt es die vollkommen ausgebildeten Stimmen und dazwischen liegt noch eine ganze Menge“, so Verunelli.

Experimente mit 31 Tönen pro Oktave

Bei ihrer Suche richtet die Komponistin den Blick weit zurück in die Musikgeschichte. Im Zentrum des ersten Konzerts „Strana Armonia d'Amore“ stand die Auseinandersetzung mit Nicola Vicentino, der im 16. Jahrhundert mit Stimmungssystemen experimentierte. Er gliederte die Oktave in 31 Teile und entwickelte dafür eigene Instrumente.

„Da hat man natürlich Möglichkeiten, die weit über die üblichen zwölf Töne hinausgehen. Da erschließen sich harmonische Möglichkeiten und Räume, die wirklich unglaublich sind, und auch harmonische Farben“, sagte Verunelli. Mit den Sängerinnen und Sängern des Ensembles „Les Cris de Paris“ arbeitete sie in mehreren Etappen an der für heutige Ohren ungewohnten Intonation.

Die Verbindung zur Vergangenheit liege auch in der Art, wie Musik entsteht. „Das ist eine Recherche, wirklich ein gemeinsames Suchen zwischen Komponistin und den Interpreten. Das gab es durchaus auch in der Vergangenheit und heute in der Gegenwart gibt es das auch“, so die Komponistin.

Auch der Dirigent singt mit

Im zweiten Konzert „La nuda voce“ rückt Verunelli die menschliche Stimme noch unmittelbarer ins Zentrum. Dabei geht es nicht nur um ausgebildete Sängerinnen und Sänger, sondern auch um unausgebildete Stimmen. Am Ende des Stücks singen alle gemeinsam, auch der Dirigent reiht sich unter die Musizierenden.

Er gebe damit gewissermaßen seinen „Sitz der Macht“ auf, erklärte Verunelli: „Am Ende des Stücks singen alle, und auch der Dirigent verlässt seine Position, um sich den Musikern anzuschließen. Jede Stimme zählt.“

Quelle: APA

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