Waldviertel-Reisetagebuch von 1823 neu aufgelegt

Mathias FischerMathias Fischer
Altes Dokument mit handschriftlicher Kalligraphie und Aquarellkreisen
© melanfolia меланфолія / Pexels (Symbolbild)

Ein Hofschauspieler beschrieb vor über 200 Jahren seine Ausflüge von Wien ins Waldviertel. Der Bericht „Der Wanderer im Waldviertel“ aus dem Jahr 1823 ist nun in einer Neuauflage erschienen und gewährt Einblicke in längst vergangene Reisedimensionen.

Johann Anton Friedrich Reil, Hofschauspieler, veröffentlichte seinen Bericht „Der Wanderer im Waldviertel“ im Jahr 1823. Der pensionierte AHS-Lehrer Martin Prinz aus dem Bezirk Gmünd hat das historische Dokument nun neu herausgegeben.

In 29 Tageskapiteln schildert Reil (1773-1843) seine Eindrücke aus Sommeraufenthalten zwischen 1815 und 1822, die ihn durch den Nordwesten des heutigen Niederösterreichs führten. Das Werk dokumentiert eine Epoche, in der Mobilität hauptsächlich zu Fuß oder mit Pferdewagen stattfand.

Von Wien ins Waldviertel im Gesellschaftswagen

Bereits das erste Kapitel lässt in eine andere Zeit eintauchen: Reil beschreibt die Abfahrt aus dem von dicken Bastionen umgebenen Wien von der Alservorstadt über die Taborbrücke im Gesellschaftswagen. Er schildert seine Mitreisenden: „So erklärte sich auch hier im Wagen bald, dass die beiden jungen geistvollen Geistlichen ihre Freunde auf dem Land heimsuchten, ein Kaufmann auf die Brautschau reiste, eine Schullehrerswitwe endlich einmal ihre kleine Pension ausgemittelt hatte, eine Offiziersfrau mit vielen Schachteln von ihrem Sohn in Wienerisch-Neustadt kam, ein alter baumstarker Manharter Landmann mit einem Laib Käse auf dem Schoß froh war, dass er die Stadt wieder im Rücken hatte und ich nach alten Ruinen und mir neuen Gegenden im Waldviertel wandere.“

Übernachtung bei Geistlichen und Bekannten

Hotels oder Gästezimmer existierten damals nicht. Der Wanderer nächtigte bei Bekannten, die ihm weitere Gastgeber empfahlen, oder meist bei Geistlichen in Klöstern und Pfarreien. Daher besuchte der Autor auch die eine oder andere Heilige Messe, wo er sich offenbar nicht nur auf die Liturgie konzentrierte.

Er schrieb über die Kirchgänger: „Lauter gesundes Volk sah ich, besonders haben die Bauerndirnen eine schöne Gesichtsfarbe und Augen wie der klare Spiegel des heiligen Brünnleins. Den Umriss ihres Gesichtes pflegen sie mit weißen Tüchern über die hohen breiten Hauben zu vermummen, selbst im Haus und bei der Schnitterarbeit auf dem heißen Feld.“

Schwärmen im Biedermeier-Stil

Der Hofschauspieler fand nicht nur an den „Bauerndirnen“ Gefallen. Ganz im Stil des Biedermeiers neigte er zum Schwärmen, weil das an sich eher karge Leben in der Provinz etwa bei Hochzeiten durchaus genussträchtig war. Über eine solche Feier berichtete er: „Alle Augenblicke wurde Bescheid getrunken, die lärmenden Musikanten schmetterten dazu. Die Kinder jauchzten; das war ein Geschrei in dem niederen dünstenden Zimmer, dass einem das Gehör verging. Aber alle Gäste waren so kreuzwohl-auf und im Entzücken, als ob sie in ihrem Leben bei solchen Lustbarkeiten noch nie gewesen wären.“

Mitunter zeigte sich Reil wirklich beeindruckt: „Auf der letzten Höhe des Molder Berges sah ich weit, weit über der Donau ein Gebäude, fast am Himmel hängen. Es ist das Kloster Göttweig (Dei Vicus). Ja wohl, dachte ich, bist du Gott geweiht; denn du stehst da, als wolltest du deinen Segen zunächst vom Himmel nehmen.“

Meditation im Gras

Der Wanderer im frühen 19. Jahrhundert erging sich nicht nur in Gottgefälligkeit. Er legte sich auch ins Gras und zeigte, dass sich eine meditativ und yogaähnliche Einkehr schon damals ganz einfach und alleine bewerkstelligen ließ: „Heute lag ich an einem ganz anderen Plätzchen, so hell, so freundlich, so heiter; so mochten die Alten sich auch eines im Elysium gedacht haben. Halt, liebliche Gegend!“

Die Neuauflage ist als gebundene Ausgabe um 23,10 Euro und als Taschenbuch um 17,60 Euro erhältlich. Das 284 Seiten starke Werk erschien im Selbstverlag Wien bei Kindle Direct Publishing Amazon 2026.

Quelle: APA

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