Wehrschütz geht in Pension: „Habe mich Kriegen gestellt“

Der langjährige ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz beendet Ende Oktober seine Büroleitung in der Ukraine und verabschiedet sich zu Jahresende in den Ruhestand. Im Interview spricht der 65-Jährige über seine Jahrzehnte am Balkan und in der Ukraine, die Ängste seiner Familie und warum er keinen einzigen Einsatz bereut.
Der gebürtige Grazer Christian Wehrschütz gibt Ende Oktober die Leitung des ORF-Büros ab und tritt mit Jahresende in den Ruhestand. Seinen 65. Geburtstag am 9. Oktober verbringt er auf der Rückfahrt in die Ukraine – gefeiert wird am 20. Oktober, bevor der endgültige Abschied als Korrespondent beginnt.
Der Abschied falle ihm nicht leicht, erklärt Wehrschütz im APA-Interview. Einerseits sei Korrespondent das Schönste, was einem Journalisten passieren könne. Andererseits sei es nach einer gewissen Zeit angenehm, nicht ständig für Meldungen bereitstehen zu müssen. Die Lage in der Ukraine werde zudem immer unberechenbarer. Seine Familie freue sich außerordentlich, dass die Angst dann wegfalle.
Familie bangte um sein Leben
Mit dem Gedanken aufzuhören habe er niemals gespielt, betont der Journalist. Erst beim Vorwort seiner jüngeren Tochter für sein neues Buch sei ihm bewusst geworden, wie tiefgreifend die Folgen solcher Ängste seien. Er erinnert sich an Nikopol 2022, als eine Rakete in sein Hotel einschlug, und noch dramatischer an den Drohnenangriff im November 2025 auf das Auto.
Seine Frau habe immer gesagt: „Baldrian und Gottvertrauen“. Man sei der Ansicht, dass für jeden Menschen eine Lebensuhr gelte. Als Beispiel nennt Wehrschütz Michael Schumacher, der als vielfacher Formel-1-Weltmeister beim Skifahren mit Helm auf den einzigen Stein gefallen sei. Man habe das Gefühl, dass es Dinge gebe, die jenseits der Planbarkeit liegen.
Vom Balkan-Korrespondenten zum Ukraine-Reporter
Seit den frühen 90er-Jahren ist Wehrschütz beim ORF tätig, etwa seit der Jahrtausendwende als Korrespondent. Er habe immer Korrespondent werden und ursprünglich nach Moskau gehen wollen. Als ihm das tatsächlich angeboten wurde, habe er abgelehnt – er wollte die Ukraine und den Balkan nicht aufgeben. Dass diese Entscheidung richtig war, zeige sich daran, dass nicht einmal ein Jahr später der große Krieg in der Ukraine ausgebrochen sei.
„Ich bin nicht Kriegs- oder Krisenreporter geworden. Ich bin Korrespondent des ORF, den das Schicksal dahingehend ereilt hat, dass es dort, wohin er entsandt wurde, Kriege gibt“, erklärt Wehrschütz. Er habe sich diesen Kriegen gestellt und darüber so gut wie möglich berichtet.
Ukraine-Krieg wird noch lange dauern
Dass der Ukraine-Krieg so lange dauern würde, habe er spätestens seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen im Herbst 2022 erwartet. Was man nicht in einem oder eineinhalb Jahren löse, werde immer dauerhafter. Es sei ein Abnützungskrieg, ohne dass man derzeit klar sagen könne, wer den längeren Atem habe. Die Wahrscheinlichkeit spreche für Russland – das Land sei größer, bevölkerungsreicher und habe die verlässlicheren Verbündeten.
Zu riskante Einsätze, die er bereue, habe es keine gegeben. Der Mazedonien-Krieg 2001 sei noch ein Krieg mit Minen, Scharfschützen und Artillerie gewesen. Da habe er abschätzen können, wo das sichere Hinterland anfange. Das gebe es im Ukraine-Krieg heute nicht mehr. Die Ausweitung des Drohnen- und Raketenkrieges auf beiden Seiten habe dazu geführt, dass man immer häufiger zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnte.
Keine Ratschläge für Nachfolger
Paul Krisai berichtet künftig über die Ukraine. Er macht das vom Büro in Budapest aus. Wehrschütz gibt niemandem etwas mit auf den Weg – jeder müsse seinen eigenen Weg gehen. Wenn man etwas wissen möchte, könne man ihn gerne anrufen. Aber er sei sicherlich nicht einer, der Zurufe erteile.
Propaganda und Desinformation seien durch Künstliche Intelligenz noch täuschend echter geworden. Man müsse noch viel mehr aufpassen. Sein Prinzip sei immer gewesen: „Ich muss nicht der Erste mit einer Meldung sein. Weil dann muss ich auch nicht der Erste sein, der sie dementiert.“
Schwierigkeiten mit ukrainischen Behörden
Die Ukraine war nicht immer glücklich über seine Präsenz. Wehrschütz hatte Probleme mit den Behörden, war mit Einreiseverbot und dem Entzug der militärischen Akkreditierung konfrontiert. Akkreditierungen seien ein zweischneidiges Schwert, erklärt er. Sie gäben Journalisten Sicherheit, seien aber auch Herrschaftsinstrumente zur Informationskontrolle. Er habe sich in seiner Berichterstattung nicht beeinflussen lassen: „Besser keine Akkreditierung und dafür kann ich immer noch in den Spiegel schauen.“
Vom ORF und Außenministerium habe er sich unterstützt gefühlt. Am meisten sei er der Bevölkerung dankbar. Es gebe auch Bundeskanzler, die ihn sehr unterstützt hätten, damit er seine Arbeit machen könne und keine ukrainische Behörde sich aussuche, welcher Korrespondent entsandt werde.
Neues Buch und Pläne für den Ruhestand
Anfang November erscheint sein neues Buch mit dem Titel „Heimkehr. Aufbruch in ein unentdecktes Land“. Es sei eine Art Bilanzbuch über die vielen Jahre am Balkan, gemachte Erfahrungen in der Ukraine und wie die Familie damit umgehe. Seine beiden Töchter und seine Enkelin haben ebenfalls kleine Texte dazu verfasst. Es sei auch ein Ausblick darauf, was er weiter machen werde.
Der Verlag möchte, dass er noch zumindest zwei Bücher schreibe. Priorität habe aber, dass er seine Bibliothek zusammenräume. Seine Frau habe schon gesagt, dass er im Wochenendhaus einiges zu tun habe. Man wolle nach so vielen Jahren der Trennung mehr Zeit füreinander haben. Seine Enkelin und seine Töchter freuten sich auch darauf.
Wehrschütz zitiert Gerhard Weis, einen der legendären Generalintendanten des ORF: „Die Enkel sind Gottes zweite Chance“ und „Der Friedhof ist voller Unersetzlicher“.
Quelle: APA
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