WMS-Retrofit: Lagersysteme im laufenden Betrieb modernisieren

Pia ProdingerPia Prodinger
Lager mit Förderbändern, Robotern und autonomen Fahrzeugen, 12-24 Monate.
© Mit KI (Gemini) generiert

Die Modernisierung bestehender Lagerverwaltungssysteme ohne Neubau des Standorts gewinnt an Bedeutung. Ein WMS-Retrofit ermöglicht die Überführung gewachsener Logistikstrukturen in moderne Systeme – bei laufendem Betrieb und mit erheblichen Risiken.

Ein WMS-Retrofit beschreibt die Modernisierung eines bestehenden Lagerverwaltungssystems im sogenannten Brownfield-Ansatz. Dabei werden vorhandene Lagerstrukturen und Prozesse beibehalten, in eine neue WMS-Lösung überführt und gleichzeitig weiterentwickelt. Der Lagerstandort selbst bleibt bestehen und wird nicht neu errichtet.

In der Praxis ist eine solche Modernisierung selten auf einen einzelnen Auslöser zurückzuführen. Meist ergibt sich der Handlungsbedarf aus einer Kombination technischer und betrieblicher Faktoren.

Technische und operative Gründe für ein Retrofit

Zu den technischen Anzeichen zählen Systeme, die bereits länger als zehn Jahre im Einsatz sind, auslaufende Wartungs- oder Lizenzvereinbarungen sowie fehlendes Fachwissen für die bestehende Lösung. Veraltete Technologien und Programmiersprachen erschweren Weiterentwicklungen, während über Jahre gewachsene Schnittstellenstrukturen die Stabilität beeinträchtigen können. Neue Anforderungen lassen sich oftmals nur noch mit Umgehungslösungen umsetzen. Zudem fehlen häufig die Voraussetzungen für datenbasierte Optimierungen oder den Einsatz von KI-Anwendungen.

Gleichzeitig verändern sich die operativen Anforderungen. Höhere Durchsatzmengen, zunehmende Automatisierung, Omnichannel-Konzepte sowie steigende Erwartungen hinsichtlich Service und Liefergeschwindigkeit erhöhen den Bedarf an flexiblen und transparenten Prozessen.

Erfüllen bestehende Systeme diese technischen und betrieblichen Anforderungen nur noch eingeschränkt, kann ein WMS-Retrofit eine langfristig tragfähige Lösung darstellen.

Herausforderungen und Erfolgsfaktoren

Ein Retrofit-Projekt unterscheidet sich wesentlich von einer Greenfield-Implementierung. Da die Umstellung im laufenden Betrieb erfolgt, sind Komplexität und Risiko in der Regel höher. Gleichzeitig bietet ein Retrofit die Möglichkeit, bestehende Strukturen gezielt weiterzuentwickeln, anstatt komplett neu zu beginnen.

Als kritischste Phase gilt der Go-Live. Anders als bei vielen Greenfield-Projekten erfolgt die Einführung nicht schrittweise, sondern meist als vollständige Umstellung im sogenannten Big-Bang-Ansatz. Dabei muss das neue WMS unmittelbar unter realen Betriebsbedingungen funktionieren.

Im B2B-Bereich kann eine vorübergehende Reduktion der Auslieferungsmengen das Risiko während der Umstellung verringern. Allerdings führt dies häufig zu späteren Belastungsspitzen. Im B2C-Umfeld ist eine Verringerung des Versandvolumens aufgrund der Kundenerwartungen meist kaum umsetzbar.

Ein belastbares Fallback-Szenario spielt daher eine wichtige Rolle. Im Ernstfall muss eine kurzfristige Rückkehr zum Altsystem technisch und organisatorisch möglich sein.

Um Risiken zu reduzieren, sind umfangreiche Testphasen erforderlich. Dazu gehören Integrations-, Prozess-, Last- und End-to-End-Tests. In vielen Projekten wird der dafür notwendige Aufwand jedoch unterschätzt. Erfolgreiche Tests benötigen ausreichend Zeit, Budget und eine strukturierte Vorgehensweise.

Entscheidend für den Projekterfolg ist zudem die Qualität der Vorbereitung. Dokumentationen zu Schnittstellen, Prozessen oder Betriebskonzepten sind oft unvollständig oder veraltet. Deshalb müssen sie systematisch überprüft und aktualisiert werden, um ein verlässliches Bild der bestehenden Situation zu erhalten.

Zeitrahmen und Kosten

Ein WMS-Retrofit ist kein kurzfristiges IT-Projekt, sondern eine umfassende Transformation. Durch die notwendigen Analyse-, Integrations-, Test- und Migrationsphasen im laufenden Betrieb liegt der Fokus nicht nur auf der technischen Umsetzung, sondern auf der nachhaltigen Weiterentwicklung der Lagerorganisation.

In der Praxis erstrecken sich solche Vorhaben meist über einen Zeitraum von zwölf bis 24 Monaten.

Die Projektkosten lassen sich nicht allgemein beziffern. Sie hängen unter anderem vom Automatisierungsgrad, dem Umfang geplanter Prozessanpassungen und dem Zustand der vorhandenen Dokumentation ab.

Bestehende Prozesse kritisch hinterfragen

Viele über Jahre genutzte WMS- und WCS-Systeme wurden individuell angepasst. Ein Teil dieser Anpassungen entstand aus konkreten Anforderungen, andere wiederum aus historisch gewachsenen Kompromissen. Ein Retrofit bietet die Gelegenheit, diese Strukturen neu zu bewerten.

Das Altsystem fungiert dabei höchstens noch als fachliche Orientierung, nicht jedoch als technische Vorlage. Im Mittelpunkt steht die Gegenüberstellung von aktuellen und zukünftigen Prozessen. Dabei gilt es zu prüfen, welche Anforderungen weiterhin relevant sind, welche Funktionen durch Standardlösungen von SAP abgedeckt werden können und in welchem Ausmaß individuelle Anpassungen tatsächlich einen Mehrwert schaffen.

Eine strukturierte Fit-Gap-Analyse unterstützt dabei, das richtige Verhältnis zwischen bewährten individuellen Abläufen und SAP-Standardfunktionen zu finden. Gleichzeitig hilft sie, den Projektumfang klar einzugrenzen. Andernfalls drohen Terminverzögerungen, höhere Kosten und zusätzliche Komplexität durch die Vermischung alter und neuer Prozesslogiken.

Testmanagement und Change Management

Da ein Retrofit meist als Big-Bang-Umstellung umgesetzt wird, kommt einem professionellen Testmanagement besondere Bedeutung zu. Unit-, Integrations- und Abnahmetests gewährleisten, dass alle Systemkomponenten reibungslos zusammenarbeiten. Mithilfe von Emulationen lassen sich potenzielle Probleme frühzeitig erkennen und ungeplante Betriebsunterbrechungen vermeiden.

Ebenso wichtig ist das Change Management. Neue Systeme verändern etablierte Arbeitsabläufe. Eine klare Kommunikation, gezielte Schulungen und organisatorische Vorbereitung fördern die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden. Auch physische Anpassungen im Lager, etwa die Bereinigung alter Strukturen, können die Einführung neuer Prozesse unterstützen.

SAP EWM als integrierte Lösung

Ziel eines WMS-Retrofits ist es, bestehende Lagerstrukturen zu modernisieren und gleichzeitig die operative Stabilität zu sichern. Dabei spielt die Systemarchitektur eine zentrale Rolle. SAP Extended Warehouse Management (SAP EWM) wurde speziell dafür entwickelt, typische Schwächen historisch gewachsener IT-Landschaften wie zahlreiche Einzelsysteme, komplexe Schnittstellen und uneinheitliche Datenbestände zu reduzieren.

Im Gegensatz zu klassischen Best-of-Breed-Ansätzen vereint SAP EWM WMS- und WCS-Funktionen innerhalb einer Plattform. Über das integrierte Material Flow System (MFS) können automatisierte Lagerbereiche direkt aus dem WMS heraus gesteuert werden. Zusätzliche WCS-Systeme werden dadurch vielfach überflüssig.

Die geringere Anzahl an Schnittstellen reduziert Integrationsaufwand und Komplexität. Gleichzeitig steigt die Stabilität der Systemlandschaft und der Wartungsaufwand sinkt. Gerade in Retrofit-Projekten ist dieser Aspekt besonders relevant, da bestehende Komplexität nicht nur übernommen, sondern gezielt verringert werden soll.

SAP EWM unterstützt zudem den typischen Retrofit-Ansatz, bestehende Prozesse und Automatisierungslösungen weiter zu nutzen und schrittweise zu optimieren. Materialflüsse können integriert werden, ohne eine vollständige Neuimplementierung zu erzwingen. Dadurch bleibt die Transformation kontrollierbar und risikoarm.

Ein weiterer Vorteil ist die modulare Struktur des Systems. Funktionen können je nach Anforderungen und Automatisierungsgrad flexibel aktiviert oder erweitert werden. Dies ermöglicht eine kontinuierliche Weiterentwicklung statt eines abrupteren Technologiewechsels.

Durch integrierte End-to-End-Prozesse schafft SAP EWM darüber hinaus eine konsistente Datenbasis. Einheitliche Datenmodelle, reduzierte Schnittstellen und transparente Prozessketten bilden wiederum die Grundlage für moderne Analyse- und KI-Anwendungen. Ein SAP-EWM-Retrofit legt damit die Basis für langfristige, datengetriebene Optimierungen im Warehouse Management.

Strategische Weichenstellung

Ein SAP-EWM-Retrofit ist weit mehr als die Ablösung eines bestehenden Systems. Es handelt sich um eine strategische Investition in stabile Prozesse, reduzierte Schnittstellen und eine zukunftsfähige Lager-IT im Brownfield-Umfeld.

Neben der Wahl der passenden Technologie ist vor allem die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen SAP-Partner entscheidend. Dieser muss sowohl die technischen als auch die logistischen Anforderungen verstehen und in der Lage sein, Retrofit-Projekte sicher und effizient im laufenden Betrieb umzusetzen.

Quelle: https://www.knapp.com/wissen/blog/wms-retrofit-bestehende-lager-zukunftssicher-modernisieren

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