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Wanda legen “Niente” vor: Interview und Kritik zum neuen Album

Sänger Michael Marco Fitzthum (Marco Wanda) und Gitarrist Manuel Christoph Poppe im Interview. Sänger Michael Marco Fitzthum (Marco Wanda) und Gitarrist Manuel Christoph Poppe im Interview. - © APA
Ab kommenden Freitag ist das neue Album der Wiener Band Wanda im Handel erhältlich. Im Interview sprach man über die Entstehung von “Niente”, die neue Austro-Welle und abmontierte Rückspiegel.

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Sie kamen quasi aus dem Nichts und haben die heimische Musikszene auf den Kopf gestellt. Vor gerade einmal drei Jahren erschien “Amore”, das Debütalbum von Wanda. Seitdem befindet sich die Wiener Band auf einem Erfolgslauf. Ab 6. Oktober steht “Niente” in den Läden, mit bekannten Tugenden und einigen Neuerungen.

Wanda im Interview über drittes Album “Niente”

APA: Wie schwierig fiel Ihnen “Niente”?

Marco Wanda: Schwierig war für diese Band die Zeit vor dieser Band. Die zehn sinnlosen Jahre Musiker sein in so einer eingeschlafenen Szene wie Wien, das war schwer. Aber mit dem ersten Erfolg wurde alles schwerelos und leicht, und jetzt treiben wir dahin und machen das einfach.

Sie haben sich diesmal mehr Zeit gelassen. “Amore” und “Bussi” waren ja sozusagen Geschwisteralben – war die Herangehensweise jetzt anders?

Wir haben das Album nicht geschrieben, “Amore” und “Bussi” haben gepudert und so “Niente” gezeugt. (lacht) Ich finde, die Platte klingt geschlossener, und sie ist sicher melancholischer als unsere Arbeiten zuvor. Mir persönlich gefällt sie aber am besten. Mein Testexemplar ist schon vollkommen kaputt, es ist total abgespielt. Ich höre dabei nicht ein bestimmtes Lied, alle sind sehr nett und erzählen eine Geschichte, die sich so zwischen Kindheit und Tod bewegt. Es ist der freche Anspruch, die Geschichte eines Lebens zu erzählen.

Wann sind die Songs entstanden?

Es gibt alte und neue Stücke auf der Platte, so wie immer. Grundsätzlich sind wir in einem ewigen Kreislauf: nächste Akkordfolge, nächster Text, nächstes Thema, nächste Melodie, nächste Platte. Hoffentlich haben wir das Glück, dass wir so noch die nächsten zehn Jahre gute Platten machen können.

Manuel Poppe: Eingespielt haben wir es wie immer in eineinhalb Wochen – ohne viel Schnörkelei, ohne Getüftel. Er (Marco Wanda, Anm.) spielt uns die Songs vor, und wir knallen den Rest drauf.

Wie kommt es dabei zu den Arrangements?

Es geht alles sehr schnell bei uns. Wir sind wie fünf Kunstschüler und haben unseren Produzenten Paul Gallister, der in gewisser Weise die Rolle eines Kunsterziehers oder Pädagogen bekleidet. Er geht sehr vorsichtig und gewissenhaft mit unseren unfertigen Arbeiten um. Wenn es kompositorische Lücken gibt, dann füllt er sie.

Wie wichtig ist es Ihnen, sich gegenseitig zu überraschen?

Wir überraschen uns seit vier, fünf Jahren, sonst könnten wir das gar nicht gemeinsam aushalten. Wir lernen uns selber immer besser kennen und werden uns immer bessere Stützen in dem ganzen Wahnsinn. Im Zentrum steht die Liebe zueinander. Das sind alles Songs, die niemals hätten entstehen können ohne das Vertrauen und die Liebe zueinander.

Erneut zitieren Sie sich in einigen Stücken selbst – ein bewusstes Stilmittel?

Na ja, ich kreise schon um einen literarischen Meridian, wenn man so will. Textzeilen beziehen sich bei uns schon immer aufeinander, und wir zitieren uns auch sehr gerne selber. Etwas Neues musikalisch erzählen wollen wir eh nicht, bei uns ist der Text viel wichtiger – vor allem als Projektionsfläche, von Wortspiel und Witz durchzogen. Im Kern ist daher diese neue Austro-Welle für mich mehr eine literarische Bewegung als nur eine musikalische.

Gehen Ihnen die Songs leicht von der Hand?

Wir wollen nicht zugrunde gehen. Wir erwarten nichts von uns, das nicht da ist, und spielen auf Augenhöhe mit unseren Fähigkeiten. Ich will nicht irgendetwas neu erfinden, sondern es nur aus einer anderen Perspektive zeigen.

Diesesmal gibt es mehr akustische Gitarren, Streicher und Klavier…

Poppe: Die akustischen Gitarren hat ausschließlich Marco eingespielt. Beim “Wienerlied” sind gar keine Gitarren drauf. Mir persönlich taugt das sehr. Wenn wir das dann live spielen, habe ich eine fünf Minuten lange Tschickpause. (lacht) Aber wie schon gesagt, sind wir sehr intuitiv an die Sache herangegangen. Was nicht nach drei Mal im Kasten drin ist, wird verworfen, und stattdessen lieber an einer anderen Stelle weitergearbeitet.

Der Blick zurück ist Ihnen wahrscheinlich fremd, oder?

Wanda: Man ist in einem Kreislauf. Dieses Leben macht mir nicht das Angebot, es zu reflektieren – zum Glück, muss ich sagen. Reflexion leitet sich ja eher davon ab, etwas falsch gemacht zu haben. Ich habe aber das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, indem ich mich diesen Menschen und dieser Sache öffnen konnte. Und indem ich auf die Stimme in meinem Unbewussten gehört habe, die Texte und Melodien vorschlägt. Wir blicken nicht zurück, die Rückspiegel sind abmontiert sozusagen.

Aber der Genuss ist da?

Wanda: Der Genuss passiert die ganze Zeit. Diese Band ist die positivste Sache in meinem Leben, das positivste Gefühl, das ich je erfahren habe, weil es mit Demut und Dankbarkeit verbunden ist. Wenn man in der Stadthalle steht vor 12.000 Menschen und sieht, wie die dermaßen in Ekstase versinken, kann man ja nicht behaupten, man hätte das gemacht. Das ist unmöglich! Wer das so wahrnimmt, der ist verrückt. Wir sind das ja nicht, das sind die Menschen selber. Ich bin so froh, dass die das von alleine tun. Ich kann nur Angebote machen.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

Drittes Album erschließt sich nach mehrmaligem Hören

“Vielleicht fangt’s von vorne an, irgendwann”: Diesem wie nebenbei fallenden Satz im Eröffnungssong des neuen Wanda-Albums wohnt eine gewisse Offenheit inne. Immerhin hat man beim Genuss von “Niente” das nicht unbegründete Gefühl, diese Lieder bereits zu kennen. Und doch: Für die am 6. Oktober erscheinende Platte hat die Wiener Band ihr Erfolgsrezept leicht angepasst, ohne an Charme einzubüßen.

“Weiter, weiter” ist demnach wie ein alter Bekannter, dem eingangs die Aufgabe zukommt, die Tür zu öffnen. Man fühlt sich wie bei einer Familienfeier, auf der die leicht angesäuselten Brüder und Onkel verschmitzt in der Ecke stehen und für erste Lacher sorgen. Die Witze gehen auf “Niente” schließlich wieder leicht von der Hand, und die Lederjacke von Sänger Marco Michael Wanda kann man förmlich riechen. Tschick, Schnaps und Rock’n’Roll wurden ja bereits auf dem 2014 veröffentlichten Debüt “Amore” serviert.

Wanda und die Melancholie

Und doch: So melancholisch war es bei der letzten Zusammenkunft (“Bussi” folgte 2015) nicht. Auch die Vorabsingle “Columbo” gefällt sich mit hängenden Schultern und traurigem Blick, während “0043” gleich einen schwebenden Soundteppich ausbreitet und quasi die Wiener Antwort auf Dreampop darstellt. Nicht nur diese “traurige, schöne Kindheit” setzt auf Nostalgie, auch der “Schottenring” und “Einfacher Bua” schlagen in diese Kerbe. Die drängelnden E-Gitarren stehen vermehrt angelehnt an der Studiowand, stattdessen bekommen Streicher, Klavier und akustische Klampfen ihren Platz in der Herbstsonne.

Ist also das gemeinsame Singen, Tanzen, Jubeln bei den Konzerten vorbei? Nun, mit “Lascia mi fare” hat das Quintett einen zwar erst spät zündenden, dann aber umso stürmischeren Nachfolger von Hits wie “Bologna” oder “1,2,3,4” in petto. Der italienische Refrain, er steht Wanda bestens und wird künftig sicherlich aus tausenden Kehlen gegrölt. Erholen kann man sich dafür beim dunkelgrauen “Letzten Wienerlied” oder dem leicht kitschigen “Ich sterbe”. Es ist teils eine Gratwanderung, die die Band unternimmt, bei der man irgendwo zwischen Pop, Folk und Schlager entlangschlingert. Aber keine Sorge: Auch dabei machen Wanda eine gute Figur – ein bisserl zerknautscht, aber höchst sympathisch.

(APA/Red)



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